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Woher das kommt

Fast 700 Jahre Ausnahmezustand

Der Kölner Karneval ist älter als seine Vereine und größer als sein Zug. Hier steht, wie aus einem immer wieder verbotenen Straßenfest ein Kalender wurde – und was die Wörter bedeuten, die dabei fallen.

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Von 1341 bis heute

Vor der Ordnung

Gefeiert wurde lange, bevor es jemand organisierte

  1. 1341

    Der Rat dreht den Geldhahn zu

    Im Eidbuch der Stadt steht die älteste schriftliche Spur des Kölner Karnevals – und es ist ein Sparbeschluss: Die Ratsherren verpflichten sich, kein Geld mehr aus der Stadtkasse für den Fastelovend zu geben. Wie gefeiert wurde, verrät der Eintrag nicht. Nur, dass es dem Rat zu weit ging.

  2. 15.–16. Jh.

    Ein Verbot nach dem anderen

    Der Rat untersagt Mummenschanz, Masken und nächtliches Umherziehen – immer wieder, über Jahrhunderte. Verbote wiederholt man nur, wenn sie nicht wirken. Sie sind der beste Beleg dafür, wie ausgelassen die Stadt war.

  3. 1794–1815

    Franzosen, dann Preußen

    Unter französischer Herrschaft ist die Maske mal erlaubt, mal untersagt. 1815 wird Köln preußisch, und die neue Obrigkeit sieht in einer maskierten Menge vor allem eines: Kontrollverlust.

Die Erfindung von 1823

Aus einem Straßenfest wird eine Institution

  1. 1823

    Das Festordnende Comité

    Kölner Bürger organisieren den Karneval neu – nicht aus Übermut, sondern um ihn zu retten. Ein geordnetes Fest mit Programm, Komitee und Route ließ sich der preußischen Verwaltung erklären, ein ungeordnetes nicht. Am 10. Februar zieht der erste Rosenmontagszug: „Thronbesteigung des Helden Carneval“.

  2. 1823

    Die Roten Funken

    Im selben Jahr entsteht das erste Traditionskorps. Die Kölschen Funke rut-wieß nehmen die alte Stadtsoldateska aufs Korn – ein Heer, das für seine Untüchtigkeit berühmt war. Die Uniform ist eine Verkleidung, der Spott ist der Punkt.

  3. 1823

    Der Elferrat und die Elf

    Mit dem Komitee kommt die Elf als närrische Zahl: elf Männer auf der Bühne, elf Sitzungspunkte, später der 11.11. um 11:11 Uhr. Eine Zahl, die über den zehn Geboten liegt und unter den zwölf Aposteln – also außerhalb jeder Ordnung.

  4. ab 1870

    Aus dem Helden werden drei

    Der Held Carneval heißt bald Prinz, und er bekommt Gesellschaft: der Bauer für die wehrhafte Stadt, die Jungfrau für die unbezwungene. Ab 1883 treten die drei regelmäßig zusammen auf. Den Namen Dreigestirn tragen sie allerdings erst seit 1938 – im selben Jahr, in dem die Nationalsozialisten die Jungfrau mit einer Frau besetzen ließen.

Brüche

Zweimal Krieg, einmal Vereinnahmung

  1. 1915–1926

    Zwölf Jahre kein Zug

    Der Zug von 1914 findet noch statt – der Krieg beginnt erst im August. Von 1915 an fällt er aus, und als der Krieg vorbei ist, untersagt die britische Besatzung die Umzüge. Erst am 28. Februar 1927 zieht wieder einer durch die Stadt. Zwölf Jahre Pause: die längste der Geschichte, länger als die im Zweiten Weltkrieg.

  2. 1933–1939

    Gleichgeschaltet

    Die Nationalsozialisten übernehmen den Karneval als Bühne. 1934 fahren antisemitische Wagen im Zug mit, jüdische Karnevalisten werden aus den Gesellschaften gedrängt. 1938 und 1939 muss die Jungfrau von einer Frau dargestellt werden – der Travestie war die Bewegung nicht gewachsen. Das gehört zu dieser Geschichte wie alles andere auch.

  3. 1940–1948

    Krieg und Trümmer

    Neun Jahre ohne Zug – der letzte vor dem Krieg fährt 1939. Am Ende ist die Altstadt weitgehend zerstört, die Stadt hat einen Bruchteil ihrer Einwohner.

Neuanfang

Wie der Karneval zurückkam – und sich selbst widersprach

  1. 1949

    „Mer sin widder do un dun wat mer künne“

    Der erste Rosenmontagszug nach dem Krieg führt durch eine Ruinenstadt. Das Motto ist keine Feierlaune, sondern eine Ansage: Wir sind wieder da und machen, was wir können.

  2. 1950er

    Die Sitzung kommt ins Fernsehen

    Übertragungen machen aus einer Saalveranstaltung ein Ereignis für Millionen. Der Karneval wird bundesweit sichtbar – und beginnt, sich für die Kamera zu formatieren.

  3. 1970er

    Die Mundart kommt zurück ins Lied

    Die Bläck Fööss (1970) und die Höhner (1972) singen wieder kölsch, aber nicht mehr im Frack. Aus Sitzungsmusik wird eine Popkultur, die das ganze Jahr über läuft.

  4. 1984

    Die Stunksitzung

    Eine Gegensitzung gegen den offiziellen Betrieb: ohne Orden, ohne Elferrat, mit Spott auch auf den Karneval selbst. Sie ist bis heute jedes Jahr ausverkauft – und inzwischen selbst Tradition.

  5. 1991

    Kein Zug wegen des Golfkriegs

    Der Rosenmontagszug wird abgesagt. Stattdessen ziehen Zehntausende beim wiederbelebten Geisterzug durch die Stadt – ungeordnet, schwarz gekleidet, politisch. Seitdem gehört er wieder zur Session.

Heute

Ein Fest, das auf jede Lage reagiert

  1. 2021

    Pandemie

    Kein Zug, keine Sitzungen, keine Kneipe. Stattdessen zieht der Zoch in einer Halle des Festkomitees: 26 Wagen im Kleinformat, 177 Stockpuppen aus dem Hänneschen-Theater als einzige Teilnehmer und Zuschauer, übertragen im Fernsehen.

  2. 2022

    Friedensmarsch statt Zoch

    Vier Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sagt das Festkomitee den Rosenmontagszug ab. An seiner Stelle ziehen rund eine Viertelmillion Menschen als Demonstration durch die Stadt.

  3. heute

    Über hundert Gesellschaften, ein Kalender ohne Pause

    Von der Sessionseröffnung am 11.11. bis Aschermittwoch stehen mehr Sitzungen, Bälle, Züge und Partys im Kalender, als ein Mensch überblicken kann. Genau das ist der Grund, warum es diese Seite gibt.

Jahreszahlen nach der Überlieferung des Festkomitees Kölner Karneval und der stadtgeschichtlichen Literatur. Wo sich Quellen widersprechen, steht hier die verbreitete Lesart. Wer es besser weiß: kontakt@mein-alaaf.de.

Die Wörter

Was jeder sagt und keiner erklärt

Kölsche Begriffe, die im Programm stehen, ohne dass jemand sie übersetzt. Reicht, um an Weiberfastnacht nicht aufzufallen.

Alaaf

der Ruf

„Kölle Alaaf“ heißt sinngemäß „Köln über alles“ – aus „all af“, alles andere weg. Wer Helau ruft, steht in Düsseldorf oder Mainz. Der Unterschied ist keine Kleinigkeit.

Fastelovend

der Name

Kölsch für Karneval, wörtlich der Abend vor der Fastenzeit. Auch Fasteleer sagt man. „Karneval“ ist das Wort für auswärts.

Session

die Spielzeit

Beginnt am 11.11. um 11:11 Uhr und endet an Aschermittwoch. Dazwischen liegen Monate mit Sitzungen und Bällen – der Straßenkarneval sind nur die letzten sechs Tage.

Dreigestirn

Prinz, Bauer, Jungfrau

Der Prinz führt, der Bauer steht für die wehrhafte Stadt, die Jungfrau für die unbezwungene. Die Jungfrau wird traditionell von einem Mann dargestellt – nur 1938 und 1939 nicht, da bestanden die Nationalsozialisten auf einer Frau.

Sitzung

der Saal

Elferrat auf der Bühne, Redner in der Bütt, Tanzcorps, Band, Pause. Die Bütt ist ein Fass – deshalb geht man in die Bütt und steht nicht am Rednerpult.

Funken

die Traditionskorps

Uniformierte Gesellschaften, die die alten Kölner Stadtsoldaten persiflieren. Ihr Stippeföttche ist ein Tanz, bei dem zwei Funken Rücken an Rücken die Hinterteile aneinander reiben – auch das ist Spott auf das Militär.

Weiberfastnacht

Donnerstag, 11:11 Uhr

Der Startschuss des Straßenkarnevals. Krawatten werden abgeschnitten, wer eine trägt, weiß warum. Der Brauch geht auf die Beueler Wäscherinnen zurück, die sich 1824 ein eigenes Komitee gaben.

Rosenmontag

der große Tag

Nicht von der Blume, sondern von „rasen“ im Sinn von tollen. Der Zoch ist der größte Karnevalszug Deutschlands und braucht Stunden, um an einem Punkt vorbeizuziehen.

Veedelszoch

der Zug nebenan

Der Zug im eigenen Viertel, meist am Karnevalssonntag. Selbstgebaut, kurze Wege, halbe Nachbarschaft im Zug statt am Rand. Für viele Kölner der eigentliche Karneval.

Kamelle & Strüßjer

was vom Wagen fliegt

Bonbons und kleine Blumensträuße. Gerufen wird beides laut, gefangen wird es mit einer Tüte – und der Rest liegt am Abend auf der Straße.

Nubbel

der Sündenbock

Die Strohpuppe über der Kneipentür. In der Nacht auf Aschermittwoch wird sie verbrannt: Sie trägt die Schuld für alles, was in der Session passiert ist. Danach war es niemand.

Geisterzug

Samstagabend

Ungeordnet, dunkel, politisch – und ohne Publikum gedacht: Wer schaut, soll mitziehen. 1991 als Protestzug wiederbelebt, seitdem fester Teil der Session.

Zoch

der Zug

„Der Zoch kütt“ ist der Satz, auf den in Köln eine ganze Stadt wartet. Alles andere in der Session ordnet sich um ihn herum an.