Ein lila Hut, eine erfundene Großfamilie – und 65 Jahre Bütt
Hans Hachenberg brauchte weder politische Spitzen noch derbe Witze, um einen ganzen Saal zu bekommen. Als „Doof Noss“ erzählte er vom Familienchaos – und wurde damit zu einem der bekanntesten Büttenredner seiner Zeit.
Ein schwarzes Jäckchen, ein kleiner lila Filzhut und ein Gesicht, das schon vor der ersten Pointe verriet, dass gleich irgendetwas schiefgehen würde. Viel mehr brauchte Hans Hachenberg nicht, wenn er als „Doof Noss“ auf die Bühne kam.
Seine Welt war überschaubar: Mamm und Papp, Omma und Opa, Schwester Ludmilla und eine ganze Horde Geschwister. Über Jahrzehnte erzählte Hachenberg Geschichten aus dieser vermeintlichen Großfamilie. Das Besondere daran: Die meisten dieser Verwandten existierten nur in seiner Bühnenwelt. Tatsächlich hatte Hachenberg lediglich einen Bruder.
Genau daraus machte er seine Kunst.
Statt ständig neue Rollen zu erfinden, entwickelte er eine Figur immer weiter. Die „Doof Noss“ verstand vieles ein kleines bisschen anders als alle anderen und kam dadurch zu Schlussfolgerungen, mit denen im Saal niemand rechnete. Große politische Themen interessierten Hachenberg auf der Bühne kaum. Auch derbe Witze waren nicht sein Ding. Sein Material fand er im Alltag.
Dabei war eine Karriere im Karneval ursprünglich überhaupt nicht geplant.
1946 besuchte Hachenberg eine Sitzung in Bergisch Gladbach. Eigentlich wollte er dort nur gemeinsam mit Freunden und Kollegen feiern. Als ein Redner beim Publikum nicht besonders gut ankam, wurde Hachenberg, der in seinem Umfeld bereits als Spaßvogel bekannt war, kurzerhand selbst auf die Bühne geschickt.
Er erzählte einige Witze – und kam an.
Zunächst trat er zwei Jahre lang in einem Zwiegespräch auf. Ende der 1940er-Jahre entstand dann die Figur, die ihn für den Rest seiner Karriere begleiten sollte: die „Doof Noss“.
Der Karneval war damals allerdings noch weit davon entfernt, Künstlern automatisch ein gutes Einkommen zu sichern. Für seinen ersten Auftritt erhielt Hachenberg fünf Mark. Manchmal bestand die Bezahlung sogar aus Gemüse oder Kohle.
Seinen normalen Beruf gab er deshalb nicht auf. Hachenberg arbeitete als Techniker beziehungsweise technischer Zeichner und stand parallel dazu während der Session auf der Bühne. Zu Hause warteten seine Frau und seine beiden Söhne.
Mit den Jahren wurden die Säle größer und sein Name bekannter.
Aus dem Bergisch Gladbacher Redner wurde ein gefragter Künstler des Kölner Karnevals. Auch im Fernsehen war die „Doof Noss“ regelmäßig zu sehen. Generationen von Zuschauern lernten die Figur dadurch kennen – oft lange bevor sie selbst zum ersten Mal eine Karnevalssitzung besuchten.
Trotz des Erfolgs blieb Hachenbergs Vortrag erstaunlich reduziert.
Keine große Show, keine aufwendige Inszenierung und kein ständiger Wechsel des Bühnencharakters. Im Mittelpunkt standen die Stimme, das Timing und Geschichten, die so erzählt wurden, als hätte man sie gerade eben beim Nachbarn an der Haustür gehört.
Auch abseits der Bühne galt Hachenberg als jemand, der mit seinem Bekanntheitsgrad wenig Aufhebens machte. Sein Lebensmittelpunkt blieb Bergisch Gladbach-Paffrath. Im Jahr 2000 ernannte ihn die Stadt Bergisch Gladbach zum Ehrenbürger.
Erst 2010 verabschiedete sich Hachenberg nach rund 65 Jahren offiziell von der Bühne. Einer seiner letzten großen Auftritte führte ihn am 23. Januar noch einmal nach Köln: Bei einer Karnevalsmatinee der Bläck Fööss stand er in der Philharmonie auf der Bühne.
Ganz lassen konnte er es danach trotzdem nicht immer. Saß er als Gast bei einer Veranstaltung und wurde gefragt, ob er noch einmal ans Mikrofon kommen wolle, hatte er sein bekanntes Hütchen offenbar nicht ohne Grund dabei.
Am 12. Juli 2013 starb Hans Hachenberg in Bergisch Gladbach – einen Tag nach seinem 88. Geburtstag.
Seine Figur verschwand damit jedoch nicht völlig aus dem Karneval. Alte Fernsehaufnahmen werden weiterhin gezeigt, seine Pointen weitererzählt und selbst Jahrzehnte später taucht die „Doof Noss“ bei Hommagen wieder auf Kölner Bühnen auf.
Vielleicht liegt das auch daran, dass Hachenbergs Humor ohne viel Drumherum funktionierte.
Ein Mann mit einem lila Hütchen erzählte von einer Familie, die es so nie gegeben hatte.
Und trotzdem erkannten erstaunlich viele Menschen darin ihre eigene wieder.