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Vom Prinzenlied zum Karnevalsarchiv: Wicky Junggeburths besondere Laufbahn

1993 erfüllte sich Wicky Junggeburth einen Kindheitstraum und wurde Kölner Prinz. Doch ein einziges Lied aus dieser Session sollte ihn weit über das Dreigestirn hinaus begleiten.

Manche Karnevalslieder gehören irgendwann so selbstverständlich zur Session, dass kaum noch jemand darüber nachdenkt, wie sie eigentlich entstanden sind. „Eimol Prinz zo sin en Kölle am Rhing“ ist so ein Fall.

Für Wicky Junggeburth war das Lied allerdings keine erfundene Geschichte. 1993 stand er tatsächlich als Prinz Wilfried I. an der Spitze des Kölner Dreigestirns – und machte aus seinem eigenen Traum ein Lied, das bis heute gesungen wird.

Dabei war Junggeburth zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht lange Mitglied einer Karnevalsgesellschaft.

Erst 1990 trat er der Nippeser Bürgerwehr bei. Schon ein Jahr später soll er gegenüber dem Präsidenten der Gesellschaft erwähnt haben, dass er gerne einmal Prinz werden würde, falls die Bürgerwehr irgendwann ein Dreigestirn stellen dürfte.

Lange warten musste er nicht.

Zum 90-jährigen Jubiläum der Gesellschaft bot sich für die Session 1993 genau diese Gelegenheit. Junggeburth wurde Prinz. Gemeinsam mit Dieter Steudter von den 3 Colonias schrieb er „Eimol Prinz zo sin en Kölle am Rhing“ und sang das Stück während seiner Regentschaft selbst auf den Bühnen.

Was ursprünglich unmittelbar zu dieser einen Session gehörte, blieb.

Das Lied entwickelte sich zu einem der bekanntesten Stücke über das Kölner Dreigestirn und machte Junggeburth auch nach Aschermittwoch als Sänger einem breiten Publikum bekannt.

Karneval war für ihn allerdings schon lange vorher ein Thema.

Junggeburth wurde im Severins-Klösterchen geboren und kam bereits als Kind intensiv mit kölscher Musik und Büttenreden in Berührung. Sein Vater führte ein Elektrogeschäft und begann Ende der 1940er-Jahre damit, Karnevalssendungen aus dem Rundfunk auf Tonband aufzunehmen.

Der junge Wicky hörte diese Aufnahmen immer wieder. Nach eigenen Erinnerungen konnte er bereits als kleiner Junge ganze Büttenreden nacherzählen und veranstaltete sogar seine eigenen imaginären Sitzungen.

Was damals nach kindlicher Begeisterung aussah, entwickelte sich Jahrzehnte später zu einem außergewöhnlichen Projekt.

Junggeburth führte die Sammlung seines Vaters weiter und begann später, die alten Tonbänder und Schallplatten zu digitalisieren. Inzwischen umfasst sein privates Archiv Tausende Stunden mit Liedern, Reden und Aufnahmen aus dem Kölner Nachkriegskarneval. 2024 bezifferte er die Sammlung auf rund 5.800 Stunden.

Damit bewahrt er Material, das sonst teilweise längst verschwunden wäre.

Zu hören sind bekannte Namen des Fastelovends, aber ebenso Aufnahmen, an die sich heute nur noch wenige erinnern. Junggeburth nutzt das Archiv nicht nur für sich selbst. Gemeinsam mit seiner Frau Catherine präsentiert er daraus historische Programme und führt sein Publikum durch verschiedene Jahrzehnte des Kölner Karnevals.

Dabei geht es nicht ausschließlich um Nostalgie.

Die alten Büttenreden erzählen auch davon, was Köln zu ihrer jeweiligen Zeit beschäftigte. Wiederbewaffnung, Sputnik, neue Technik oder Veränderungen im Stadtbild wurden von den Rednern aufgegriffen und landeten wenige Wochen später als Pointe in der Bütt.

Für Junggeburth sind solche Aufnahmen deshalb auch Zeitdokumente.

Sein Interesse an der Geschichte passt zu einem weiteren Teil seiner Karriere. Viele Jahre kommentierte er für den WDR den Kölner Rosenmontagszug und erklärte dabei Wagen, Gesellschaften und Traditionen für die Zuschauer vor dem Fernseher.

Gerade sein Wissen über frühere Künstler und die Entwicklung des Fastelovends machte ihn dabei zu weit mehr als einem klassischen Fernsehmoderator.

Daneben blieb die Musik ein wichtiger Bestandteil seines eigenen Bühnenlebens.

Nach „Eimol Prinz zo sin“ folgten weitere kölsche Titel. Besonders die kölsche Sprache spielte dabei immer wieder eine Rolle. Stücke wie „Mer schwade wigger Kölsch“ greifen ein Thema auf, das Junggeburth seit Jahren beschäftigt: Wie bleibt Kölsch lebendig, wenn es im Alltag immer weniger gesprochen wird?

So führen bei ihm viele Dinge immer wieder zusammen.

Der kleine Junge, der alte Karnevalsaufnahmen seines Vaters hörte. Der Mann, der 1993 tatsächlich Prinz von Köln wurde. Der Sänger eines Liedes, das ihn bis heute begleitet. Der Kommentator am Rosenmontagszug. Und schließlich der Sammler, der Tausende Stunden Fastelovend für die nächsten Generationen bewahrt.

Vielleicht beschreibt gerade das Wicky Junggeburth besser als irgendein einzelner Titel.

Er hat Karneval nicht nur selbst auf der Bühne erlebt.

Er sorgt auch dafür, dass man hören kann, wie er früher einmal geklungen hat.